Momentum 09 - Freiheit
Mein Praktikum - und wo sammelst du Berufserfahrung?

Blogroll

:: vsstö graz blog

Aktion zum Weltfrauentag

:: medizin graz blog

Prüfungsanmeldung im MedOnline!!

:: vsstö wien blog

Atomare Renaissance? Bloß nicht!

:: news

:: unbeschränkt studieren

Die Debatte um die vermeintlich notwendigen Zugangsbeschränkungen an Österreichs Universitäten wird in den kommenden Monaten ihren bisherigen Höhepunkt erreichen. 

Der Siegeszug des Neoliberalismus hat auch vor den österreichischen Universitäten nicht halt gemacht. Dem internationalen Trend folgend verwandelten die Regierungen der letzten Jahre die Unis in privatwirtschaftlich organisierte Einrichtungen mit einem allmächtigen Managment (Rektorat), einem Aufsichtsrat (Universitätsrat) und KundInnen (StudentInnen) die zahlen, um eine Leistung zu erhalten. Auch das Paradigma der staatlichen Finanzierung von Bildungseinrichtungen wurde verworfen. Zwar werden die Hochschulen immer noch zu einem großen Teil vom Staat finanziert, aufgrund der Mittelknappheit sind sie jedoch dazu gezwungen sich verstärkt um Drittmittel aus der Privatwirtschaft zu bemühen. In einem Bereich unterscheiden sich die österreichischen Universitäten jedoch gravierend von den meisten anderen in Europa: Mit Ausnahme der medizinischen Fächer können StudienanfängerInnen noch ohne Aufnahmeverfahren das von ihnen gewünschte Studium an einer Universität beginnen. Der offene Hochschulzugang ist ab Herbst Geschichte. Dann wird es flächendeckende Zugangsbeschränkungen sowohl für Master- und PhD-Studien geben sowie die Möglichkeit alle deutschen Numerus-Clausus Fächer schon im Bachelor zu beschränken.

:: hilfe, die deutschen kommen! 

Ausgelöst wurde die öffentliche Debatte um Zugangsbeschränkungen durch ein Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof. Die EU Kommission hatte dort die Republik Österreich geklagt. Grund für diese Klage war eine gesetzliche Bestimmung, wonach nicht-österreichische StudienanfängerInnen bereits einen Studienplatz in ihrem Heimatland nachweisen müssen, um für dasselbe Studium in Österreich zugelassen zu werden. Österreichische StudienanfängerInnen unterlagen keinerlei Auflagen, was eine Ungleichbehandlung von ÖsterreicherInnen und Studierenden anderer EU Staaten bedeutete. Der EuGH stellte in seinem Urteil vom 5. Juli 2005 fest, dass die Republik Österreich hier tatsächlich gegen geltendes EU Recht handelte. Der Aufschrei hierzulande war groß. Vor allem die medizinischen Universitäten befürchteten einen nicht zu bewältigenden Ansturm von „Numerus Clausus Flüchtlingen“ aus Deutschland. Nur drei Tage späte verabschiedete die damalige Schwarz-Orange Regierung eine Gesetzesnovelle, die den Unis in bestimmten Fächern die Beschränkung des Zuganges erlaubte. Besonders restriktiv wird seither der Zugang zu den medizinischen Studien geregelt. Sowohl in der Human- als auch in der Veterinärmedizin müssen StudienanfängerInnen einen umfangreichen Aufnahmetest ablegen. Nur wer die erforderliche Punkteanzahl erreicht, wird zum Studium zugelassen.

:: zeig mir deine eltern…


Die Auswirkungen dieses Zulassungsverfahrens sind dramatisch. Nur dreieinhalb Jahre nach der Einführung von Zugangsbeschränkungen geht aus einer Studie des Wissenschaftsministeriums hervor, dass sowohl der Frauenanteil als auch der Anteil Studierender aus bildungsfernen Schichten im Medizinstudium deutlich gesunken sind. Diese Zahlen verwundern nicht. Sie beweisen lediglich, dass Zugangsbeschränkungen als Mittel zur Selektion von Menschen nach ihrer sozialen Herkunft dienen. Das österreichische Bildungssystem ist bereits jetzt durch eine enorm hohe soziale Selektivität geprägt. Diese beginnt damit, dass einige Kinder eine vorschulische Bildungseinrichtung besuchen und andere nicht, erreicht ihren Höhepunkt in der Teilung Jugendlicher in Hauptschule und Gymnasium und spitzt sich zu Beginn eines Hochschulstudiums zu. Die Universitäten sind in ihrer jetzigen Form ohnehin schon ein Ort, der Studierende aus einem gebildeten Elternhaus bevorzugt behandelt. Der bekannte französische Soziologe Pierre Bourdieu und der deutsche Elitenforscher Michael Hartmann haben in diesem Zusammenhang den Begriff des Habitus geprägt. Dieser speist sich aus dem kulturellen Kapital (Allgemeinbildung, Umgangsformen, Sprache, Diskursfähigkeit,…), das den jungen Menschen von zu Hause mitgegeben wird. Ein akademischer Habitus kann von denen, die ihn nicht besitzen, kaum noch erlernt werden. Je elitärer ein Bildungssystem ausgestaltet ist, je mehr Hürden in einer Bildungskarriere überwunden werden müssen, desto eher setzen sich jene, die über diesen akademischen Habitus verfügen gegen die anderen durch. Kommen zu den formellen Zugangshürden auch noch finanzielle (Nachhilfe, Vorbereitung auf einen Aufnahmetest, Studiengebühren) dazu, ist die soziale Aussiebung perfektioniert.

:: harvard ruft


Die treibende Kraft hinter der Bestrebung die Universitäten gänzlich abzuriegeln sind die Rektoren selbst. Die fortschreitende Internationalisierung der Universitäten bringt eine unerfreuliche Begleiterscheinung mit sich – unzählige Universitätsrankings. In diesen Rankings werden willkürlich gewählte Indikatoren, wie etwa der Anteil des Drittmittelbudgets, die Anzahl der NobelpreisträgerInnen, die Zahl der Lernplätze oder das Betreuungsverhältnis herangezogen und bewertet. Die österreichischen Hochschulen schneiden bei diesen Rankings regelmäßig schlecht ab. Die Rektoren machen dafür die große Masse der Studierenden verantwortlich. Sie wollen sich ihre StudentInnen „selber aussuchen können“ und dabei die Studienplätze verknappen um auf dem internationalen Parkett glänzen zu können. Dass Österreich im internationalen Bildungsvergleich ein völlig anderes Problem, nämlich das der viel zu niedrigen AkademikerInnenquote hat, wird einfach vom Tisch gewischt. 

:: uni geht anders!


Der freie und offene Hochschulzugang ist ein Prinzip, dass es mit allen Mitteln zu verteidigen gilt. Nur ein möglichst durchlässiges Bildungssystem kann gewährleisten, dass Bildung die Aufgaben erfüllt, die sie aus sozialdemokratischer Perspektive wahrnehmen muss: das Überwinden von sozialen Barrieren, die Emanzipation der Menschen und schließlich das Vorantreiben des gesellschaftlichen Fortschritts. Zugangsbeschränkungen führen zu einer verstärkten Elitenbildung, im Zuge derer jene auf der Strecke bleiben, die nicht ohnehin privilegiert sind. Es braucht keine Zugangsbeschränkungen – im Gegenteil, es braucht eine neue Öffnung der Universitäten. Dafür muss schnellstmöglich Geld in die Hand genommen werden um einen ordentlichen Lehr- und Forschungsbetrieb zu garantieren, die Hochschulstrukturen einer radikalen Demokratisierung unterzogen werden und für eine ausreichende soziale Absicherung von Studierenden gesorgt werden.

 

facebook twitter delicious digg google