:: die geschichte des vsstö
:: 1893 bis 1945
Die Anfänge der Sozialistischen StudentInnenbewegung
Seit 1889 gab es in Wien verschiedene Debattier-Klubs und lose Zusammenschlüsse fortschrittlicher und sozialdemokratischer Studenten (Frauen an den Unis gab es noch nicht!), aber noch keine eigentliche sozialistische Studierendenorganisation. Als erste Vorläuferorganisation des VSStÖ konstituierte sich schließlich 1893 in Wien die 'Freie Vereinigung Sozialistischer Studenten'. Gründungsobmann wurde Max Adler. Dieser Diskussionszirkel, in dem sich Studierende wie Max Adler, Käthe Leichter, Rudolf Hilferding, Alfred Adler, Karl Renner und viele andere zusammentaten, war die erste Gruppe von Studierenden, die mit den Zielen der jungen ArbeiterInnenbewegung sympathisierte.
Schon damals kam dem Kampf für einen offenen Bildungszugang und für eine demokratische Universität wie der Kritik an der bürgerlichen Wissenschaft eine wichtige Rolle zu. Innerhalb der Sozialdemokratie positionierten sich die sozialistischen Studierenden am linken Flügel rund um Personen wie Max Adler oder Friedrich Adler. Die Sozialistischen Studierenden nahmen regen Anteil am politischen Geschehen. So waren sie aktiv am Kampf um die Einführung des allgemeinen Wahlrechts beteiligt. Ebenso beteiligten sich viele Mitglieder des Verbands an Initiativen gegen den Wahnsinn des Ersten Weltkrieges, weswegen der Verband von den Behörden während des Krieges zeitweise verboten wurde. 1917 war mit Anna Frey auch schon die erste Frau 'Obmann' (sic!) der Freien Vereinigung sozialistischer Studenten.
Nachdem bislang nur in Wien eine Gruppe bestanden hatte, gründeten sich im Zuge der Revolution 1918/19 auch an den damals bestehenden weiteren Universitätsstandorten in Innsbruck und Graz sozialistische Studierendenorganisationen. 1924/25 wurden die Gruppen in Wien, Graz und Innsbruck unter dem bundesweiten Verband Sozialistischer Studenten (VSStÖ) vereinigt.
In der Ersten Republik machte der Widerstand gegen deutschnationale und antisemitische Umtriebe an Österreichs Universitäten die sozialistischen Studierenden zu Zielscheiben rechtsextremer Gewalt. Der VSStÖ wurde systematisch diskriminiert und von universitären Entscheidungsträgern bekämpft. Das Verhältnis der konservativ-katholischen und deutschnationalen Studierenden- und Professorenschaft zu Austrofaschismus und Nationalsozialismus wurde auch nach 1945 nur unzureichend aufgearbeitet.
Im Austrofaschismus wurde der Verband verboten. Mitglieder des VSStÖ kämpften im österreichischen Bürgerkrieg des Februar 1934 und in den internationalen Brigaden im Spanischen Bürgerkrieg 1936-1939 im Kampf gegen den Faschismus. In den Jahren der NS-Diktatur wurden viele VSStÖlerInnen ins Exil vertrieben oder beteiligten sich am Widerstand gegen Faschismus und Krieg. In diesen dunklen Jahren waren es nicht zuletzt auch Studierende, die sich im VSStÖ kennengelernt hatten und deren Einstellung in gemeinschaftlichen Diskussionen gewachsen war, die sich dem Faschismus entgegenstellten. Viele davon bezahlten mit ihrem Leben.
:: nach 1945
Nach der Befreiung Österreichs durch die Alliierten und der Konstituierung der 'Sozialistischen Partei Österreichs' nahm der VSStÖ seine Tätigkeit in der von konservativen Kräften beherrschten Universitätspolitik wieder auf, versuchte aber auch verstärkt auf innerparteiliche und gesellschaftliche Entwicklungen Einfluss zu nehmen.
So kämpfte der VSStÖ (weitenteils erfolglos) gegen die Rückkehr von Nazis an die Hochschulen und die Verbreitung von nazistischem Gedankengut in Lehrveranstaltungen. So schrieb etwa Mitte der sechziger Jahre der damalige VSStÖler und spätere Finanzminister Ferdinand Lacina die antisemitischen Äußerungen des Wiener Wirtschaftsprofessors Taras Borodajkewycz in einer Vorlesung mit. Nach politischen Turbulenzen und heftigen Protesten, in deren Verlauf 1965 bei einer Demonstration ein ehemaliger KZ-Häftling von einem Burschenschafter erschlagen wurde, und musste der Professor abtreten.
:: vsstö und öh
Der VSStÖ war der erste Studierendenverband, der die Forderung nach einer demokratisch gewählten Studierendenvertretung erhob, nach 1945 war er aktiv an der Bildung der Österreichischen HochschülerInnenschaft beteiligt. Bis in die zweite Hälfte der sechziger Jahre war der VSStÖ die einzige relevante nicht-konservative Studierendenorganisation. Wo immer sich heute progressive studentische Forderungen finden lassen: Im VSStÖ wurden sie schon vor Jahren, manchmal sogar vor Jahrzehnten diskutiert.
Schon damals setzten wir uns innerhalb der ÖH für eine Verbesserung des Studienbetriebs, für eine bessere und sozial gerechte Studienförderung, für zukunftsweisende Lehrinhalte und -methoden und für mehr demokratische Mitbestimmungsrechte für Studierende ein.
Unter allen heute in der ÖH befindlichen Fraktionen sind wir nicht nur jene Organisation mit der längsten Tradition und Geschichte, sondern auch der einzige Gründungsverband der ÖH, der heute noch besteht.
Seit ihrer Gründung war die ÖH von ÖVP-Studierendenfraktionen dominiert: Sie hießen Wahlbock, ÖSU, Studentenforum, JES oder Aktionsgemeinschaft - beständig blieb die Opposition des VSStÖ gegen die schwarze Herrschaft in der ÖH. Der VSStÖ kämpfte gegen die Rechten an der Uni als der der RFS noch über 30% erreichte und ist auch heute vielerorts die einzige linke Alternative in der ÖH - überall aber vor allem die beste linke Alternative.
:: vsstö bis heute
In den siebziger Jahren griff der VSStÖ wieder stärker auf den Austromarxismus zurück, begriff sich als politischer Verband und beteiligte sich an den Protestbewegungengegen den Vietnamkrieg oder das AKW Zwentendorf. Auch unter Kreisky kam es dementsprechend oft zu sehr heftigen und weitgehenden Konflikten zwischen VSStÖ und SPÖ.
Die Geschichte der Fraktionskämpfe innerhalb des VSStÖ ist inzwischen Legende. Nicht zuletzt haben die ständigen internen Auseinandersetzungen dazu geführt, dass der VSStÖ bis in die Mitte der 90er kontinuierlich an Einfluss verloren hat.
Bei den ÖH-Wahlen 1995 gelang es, erstmals die Dominanz von konservativen, ÖVP-nahen Gruppierungen an der ÖH-Spitze zu durchbrechen. Der VSStÖ konnte erstmals den ÖH-Vorsitz stellen, mit der VSStÖ-Kandidatin Agnes Berlakovich wurde auch die erste Frau zur Vorsitzenden der Österreichischen HochschülerInnenschaft gewählt. Der VSStÖ beteiligte sich aktiv an den Protesten gegen das Sparpaket der Großen Koalition 1996, das große soziale Einschnitte für Studierende brachte. Nach der ÖH-Wahl 1997 gab es trotz VSStÖ-Gewinnen allerdings wiederum eine konservative Mehrheit in der bundesweiten StudentInnenvertretung.
Als Haider und Schüssel im Februar 2000 ihre Koalition bildeten, gingen wir wie zehntausende andere gegen diese Regierung auf die Straße. Unser Protest war berechtigt, schon im Herbst 2000 setzten FPÖ und ÖVP dem freien Hochschulzugang ein Ende und beschlossen Studiengebühren, bald darauf kam die schwarz-blaue 'Unireform'. Gegen diese unsoziale Politik demonstrierten wir.
Die ÖH-Wahlen 2001 haben den VSStÖ gestärkt und mit einem linken Erdrutschsieg eine rot-grüne Koalition in der Bundesvertretung der ÖH gebracht. Im Rahmen einer Teamlösung mit den Grünen und Alternativen StudentInnen wurde mit Andrea Mautz erneut eine Frau für den VSStÖ ÖH-Vorsitzende. Der VSStÖ setzt sich in seiner ÖH-Arbeit gegen die bildungsfeindliche Politik der schwarz-blauen Bundesregierung ein, kämpft gegen Studiengebühren und für eine gerechte soziale Absicherung der Studierenden. Mit 24 von 45 Sitzen im österreichweiten Studierendenparlament, der ÖH-Bundesvertretung, gingen bei der Wahl im Mai 2003 die bisherigen KoalitionspartnerInnen erneut als Sieger hervor. Der VSStÖ hat es geschafft, sein gutes Ergebnis von den letzten Wahlen annähernd zu halten und stellte mit Patrice Fuchs die ÖH-Vorsitzende.
In einer Nacht und Nebelaktion nahm Schwarz-Blau in der Nacht von 10. auf 11. November 2004 eine umgreifende Änderung des HochschülerInnenschaftsgesetzes (HSG) vor. Die Direktwahl der ÖH Bundesvertretung wurde abgeschafft - die Bundesmandate werden seither von den Universitäten entsand. Hat eine Uni allerdings nur ein Mandat zu vergeben, so geht das gesamte Mandat an die stimmenstärkste Fraktion - die größeren Unis werden nach der d'Hondtschen Mandatsverteilung aufgeteilt. In der Theorie verbesserte dieses neue HSG die Ausgangslage der oppositionellen ÖVP-nahen Aktionsgemeinschaft - die Studierenden gingen aber mit Gehrers Plänen nicht mit und entschieden sich (jetzt erst recht) für die Fortsetzung von Rot-Grün auf Bundesebene. Nach diesem - historischen - Wahlsieg 2005 stellte Barbara Blaha die sozialistische Vorsitzhälfte der ÖH Bundesvertretung.
Nach den ÖH-Wahlen 2007 ging der VSStÖ eine Koalition mit GRAS und FLÖ ein und entsandte Lisa Schindler in das ÖH-Vorsitzteam. Ende des Sommersemesters 2008 wurde diese Koalition von Seiten der FLÖ gesprengt, in Reaktion auf die darauf folgende Wahl eines AG-Vorsitzes durch die FLÖ ging der VSStÖ in Opposition. Auch aus dieser Position werden wir weiterhin für die Anliegen der Studierenden kämpfen!
Viele junge Frauen und Männer haben sich im Lauf der Zeit im VSStÖ engagiert und haben auch nach ihrem Studium unterschiedliche (politische) Entwicklungen genommen. Auf diese Vielfalt sind wir stolz. Auch heute engagieren sich im VSStÖ viele Studentinnen und Studenten, deren politische Überzeugungen von marxistisch bis links-liberal reichen. Dieses breite Spektrum führt zwar oft zu Diskussionen, gerade diese Diskussionskultur und diese 'Bandbreite' ist aber auch unsere Stärke. Venceremos!
:: bundesvorsitzende des vsstö seit 1945
1946-1947 Raoul Schmiedeck
1947-1949 Heinz Damian
1949-1950 Fritz Marsch
1950-1951 Ferdinand Maly
1951-1952 Peter Proksch
1952-1954 Günter Haiden
1954-1956 Karl Blecha
1956-1957 Peter Jankowitsch
1957-1960 Günter Steinbach
1960-1962 Franz Bauer
1962-1963 Hannes Androsch
1963-1964 Kurt Hawlitschek
1964-1966 Helmut Sommer
1966-1967 Günter Rehak*
1967-1968 Günter Blecha
1968-1969 Silvio Lehmann
1969-1970 Herbert Ostleitner
1970-1971 Kurt Puchinger
1971-1973 Johann Dvorak
1973-1974 Fritz Weber
1974-1975 Manfred Matzka
1975-1977 Michael Häupl
1977-1979 Karl Öllinger
1979-1980 Walter Schwarzenbrunner
1980-1982 Herbert Buchinger
1982-1983 Kurt Stürzenbecher
1983-1984 Alexander Wrabetz
1984-1985 Marc Hall
1985-1988 Bernhard Heinzlmaier
1988-1989 Josef Kletzmayer
1989-1991 Karin Kern-Wessely
1991-1992 Erich König
1992-1993 Alfred Kausl
1993-1995 Agnes Berlakovich
1995-1997 Julian Jäger
1997-1999 Eva Czernohorszky
1999-2000 Jürgen Wutzlhofer
2000-2001 Dagmar Hemmer
2001-2003 Eva Schiessl
2003-2005 Andrea Brunner
2005-2007 Sylvia Kuba
2007-2008 Ilia Dib
2008-2009 Maria Maltschnig
seit 2009 Sophie-Marie Wollner
* Der VSStÖ distanziert sich von seinem ehemaligen Vorsitzenden Günther Rehak (laut Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes ist Rehak mittlerweile einer der eifrigsten Referenten im rechtsextremen Milieu).
Wir verschweigen unsere Geschichte nicht, möchten aber zum Ausdruck bringen, dass wir uns als antifaschistischer Verband verstehen.
Literaturhinweise: VSStÖ-Geschichte zum Nachlesen
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Peter Pelinka, Michael Häupl. Wie er wurde, was er ist - Seine Visionen für Wien. Wien 2004
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Die Wirtschaftshilfe der Arbeiterstudenten Österreichs (1922-1932). Zehnjahresbericht und Tätigkeitsbericht über das Studienjahr 1931-32. Wien 1933
Dietmar Zach, KSV und VSStÖ: Zwischen Zusammenarbeit, Konkurrenz und Verleumdung. Theoretische Perspektiven und politische Praxis. Dipl.-Arb., Uni Wien 1998
Helge Zoitl, 'Student kommt von Studieren!'. Zur Geschichte der sozialdemokratischen Studentenbewegung in Wien (Materialien zur Arbeiterbewegung: 62). Wien / Zürich 1992
