:: bildung im ausverkauf
„Bildung darf keine Ware sein“, wie oft haben wir diesen Slogan schon gehört. Doch in der Realität ist Bildung schon lange ein Handelsgut. Nun wird von Seiten der Politik und Wirtschaft alles daran gesetzt, Universitäten und Studierende für den Wettbewerb am globalen Bildungsmarkt zu rüsten.
Seit den 90er Jahren wird im deutschsprachigen Hochschulraum eifrig an Reformen zur Re-organisation der Bildungseinrichtungen gebastelt. Die gegenwärtige Umstrukturierung der Universitäten zielt in erster Linie auf eine Neuordnung des Verhältnisses Staat – Universitäten ab. Oberste „Leitwissenschaft“ ist die Betriebswirtschaft, effizient und qualitativ hochwertig ist nur noch, was sich am Markt verkaufen lässt.
Universität & Co KG
Als logische Konsequenz werden Bildungseinrichtungen nach dem Vorbild eines Wirtschaftsbetriebes organisiert, die Universitätsverwaltung nach Managementkriterien neu aufgebaut. Mittel zum Zweck hierzu ist die Universitätsautonomie – in Österreich mit dem Universitätsgesetz 2002 eingeführt – die es den Universitäten ermöglicht ihre Binnenstruktur an den Markt anzupassen. Die nachfolgenden Organisationspläne komplettieren das „Unternehmen Universität“: hierarchische, autokratische Strukturen müssen her, Mitbestimmung wird als ineffizient abgetan.
Diese Form des „New Public Managements“ bedeutet aber auch, dass der Staat sich aus seiner Finanzierungs- und Koordinierungsverantwortung zurückzieht: Durch die unzureichende staatliche Finanzierung werden Universitäten gezwungen sich marktkonform und in nächster Konsequenz profitorientiert zu verhalten: private Finanzierung einhergehend mit Zugangsrestriktionen erscheinen in der Folge als systemimmanente Notwendigkeit. Die Ausrede „Die Unis müssen um ihr Überleben kämpfen“ soll so manche Maßnahme rechtfertigen, angefangen bei der Einhebung von Studiengebühren bis hin zum derzeit angedachten internen Numerus Clausus.
Bildung, aber bitte mit Profil
Doch nicht nur intern reorganisiert sich die Universität: Im Markt muss sie sich auch nach außen gegenüber potentiellen KonkurrentInnen positionieren: diese Profilbildung erfolgt zwangsläufig unter marktwirtschaftlichen Kriterien, der Wettbewerb am freien Markt lässt andere Maßstäbe nicht zu. Dies wirkt sich auch auf den Inhalt der vermittelten Bildung aus: von Relevanz sind Input und Output erbrachter Leistungen, diese treten an Stelle einer gesellschaftlichen Relevanz von Wissenschaft. Wissenschaft und Forschung werden somit zu einem der Produktion vorgelagerten Innovationsfaktor, mit dem einzigen Ziel, den ökonomischen und technischen Fortschritt voranzutreiben. Wirtschaft ist somit nicht mehr bloß äußerer Bezugrahmen der Bildungspolitik, sondern gilt gleichsam als der Bildung wesensimmanentes Bezugskriterium. Nicht die Bildungspolitik orientiert sich am Markt, sondern der Markt selbst formt die Bildung und ihre Institutionen. Hierdurch wird Bildung gleich im doppelten Sinn zur Ware: Studierende werden einerseits zu KonsumentInenn von Bildungsleistungen degradiert, die individuelle Investition in die Dienstleistung Bildung – zB in Form von Studiengebühren – wiederum erhöht den Wert des Produkts „Student/in“. Damit begeben sich jedoch diejenigen, die die finanziellen Mittel zur Investition in das eigene Humankapital aufbringen können, in den Teufelskreis ihrer eigenen Verwertbarkeit: Ziel der eigenen Bildung ist es, den persönlichen Output zu maximieren um sich selbst möglichst profitbringend verkaufen zu können, denn wer will schon eine Investition tätigen, die sich später nicht lohnt? Dies führt zum Wunsch jedes/r Studierenden genau jenen Fähigkeiten und Kenntnisse vermittelt zu bekommen, die die eigene Verwertung bestmöglich gewährleisten. Individuelle Bildungsinvestitionen stellen somit ein zentrales Bindeglied zwischen Studienwahl, Studienangebot und außerwissenschaftlichen Märkten und Interessen dar: Studien die die Investition ins Humankapital rechtfertigen, sind nur jene, die auch den Anforderungen des Arbeitsmarkts entsprechen. Die Nachfrage nach diesen Disziplinen zwingt wiederum die Universität ihr Angebot an die Vorgaben der Wirtschaft anzupassen.
Der Wolf im Stiftungspelz
„Education should be considered as a service to the economy“, diese Forderung stellt der European Round Table of Industrialists schon seit langem. Diese vormals externen Interessen mächtiger Wirtschaftlobbies werden nun durch die Politik aufgegriffen und institutionalisiert. Wesentliche Unterstützung kommt von Einrichtungen wie dem deutschen „Centrum für Hochschulentwicklung“ (CHE), das sich selbst als Think Tank und Berater in hochschulpolitischen Fragen versteht: Unter dem Deckmantel von Wissenschaftlichkeit und Unabhängigkeit hat CHE es geschafft, die Definitionsmacht im deutschsprachigen Hochschulraum an sich zu reißen und gilt zuweilen sogar als inoffizielles Bildungsministerium Deutschlands. Durch ihr „Akzeptanzmanagement“ bewirken sie die Institutionalisierung bildungspolitischer Inhalten, aus einer Ideologie wird eine vermeintlich logische Konsequenz, die absolute Wahrheit. Was gerne verschwiegen wird: Hinter CHE steht die Bertelsmann-Stiftung des mächtigen Bertelsmann Konzerns, dem viertgrößter Medienkonzern der Welt und selbst via public private partnership im Schulbereich involviert. Kritiker sprechen von der Stiftung als einen „hochgefährlichen Kraken“ mit dem Interesse einen Systemwechsel hin zu unternehmerbestimmter Politik herbeizuführen. Politik und Wirtschaft sollen durch vermeintlich neutrale Studien und „Entwicklungshilfen“ für die Politik gleichgeschalten werden.
Der globale Markt
Wesentlich vorangetrieben wird diese Entwicklung zusätzlich auf internationaler Ebene. Zahlreiche private BildungsanbieterInnen, va aus dem anglo-amerikanischen Raum, drängen in den europäischen Bildungsmarkt. Jener Markt verspricht hohe Profitchancen, doch noch ist der Zutritt nicht einfach. Bereits in den Verhandlungen zum GATS (General Agreement on Trade in Services), einem weltweiten Vertragswerk zur Öffnung nationaler Dienstleistungsmärkte, wurde die Macht jener Bildungskonzerne sichtbar. Die zahlreichen Versuche über die Verhandlungen einen Eintritt in den europäischen Markt zu erzwingen, gerieten zwar vorerst ins Stocken, doch schläft auch Europa nicht: In bravem Gehorsam der drängenden Wirtschaftslobby folgend, liegt derzeit der Entwurf zu einer neuen Dienstleistungsrichtlinie (die sog. „Bolkestein-Richtlinie“) auf dem Tisch, mit der der Privatisierung europäischer Hochschulbildung Tür und Tor geöffnet wird. Eine derartige Vorantreibung der Liberalisierung des Bildungsbereichs beseitigt unwiderruflich die Möglichkeit, dass einzelne Staaten ihre eigenen Standards für den Bildungsbereich formulieren und durchsetzen. Doch kommt der Richtlinienentwurf nicht von ungefähr, schließlich hat sich die EU mit der Lissabon Strategie ein ambitioniertes Ziel gesetzt: bis 2010 soll sie sich zum „dynamischsten und wettbewerbsfähigsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt“ entwickeln. Die Entwicklung der EU soll zwar wissensbasiert erfolgen, doch ist staatliche Verantwortung nur noch Nebensache: die finanzielle Aushungerung des Bildungsbereiches soll durch private Investitionen wettgemacht werden.
Susanne Haslinger studiert Rechtswissenschaften in Wien.
Dieser Artikel erschien im „progress“, dem Magazin der Österreichischen HochschülerInnenschaft
