:: queer und wir
Der Begriff Queer ist spätestens nach der Ausstrahlung diverser Fernseh- sendungen (Queer as Folk, etc) den meisten kein unbekannter mehr. Doch was Bedeutet dieses Wort bezie- hungsweise dieser Begriff und vor allem, welche Inhalte werden von den Queer activists transportiert?
:: queer was?
Etymologisch herbeigeführt bedeutet dieses Wort ungefähr soviel wie „selt- sam, sonderbar, leicht verrückt, krank“ aber auch „gefälscht, fragwürdig“. In der englischen Umgangssprache wird es oft auch als Schimpfwort gegen geschlecht- liche und sexuelle Existenzweisen gebraucht, die den gesellschaftlichen Normen nicht entsprechen. Allgemein richtet sich das Schimpfwort „queer“ un- bestimmt gegen alle, die nicht der mo- ralischen Mehrheit angehören. Aufgrund der Diversität des Begriffes „queer“ und aller darin eingeschlossenen „Minderhei- ten“ wurde die Queer Bewegung auch als »Regenbogenkoalition« bezeichnet. Daraus erklärt sich die Verwendung der Regenbogenfahne als Symbol der Queer Bewegung. Doch seit Mitte der 1980er Jahre wurde der Begriff queer entgegen des schimpf- wörtlichen Alltagsgebrauchs als positive Eigenbezeichnung von „sexual and gen- der outlaws“ positiv angeeignet und eta- blierte sich als Bezeichnung für einen besonderen politischen Aktivismus – die queer politics – und einer wissenschaft- lichen bzw. theoretischen Denkrichtung – der Queer Theory. Die queeren Theorien und Praxen be- schäftigen sich vor allem mit folgenden Schwerpunkten:
- Den „natürlichen“ Zusammenhängen zwischen dem biologischen Geschlecht, dem gesellschaftlichen Rollenbild und dem Begehren einer Person (sex/gender/desire)
- Mit der Frage, ob Heterosexualität nichts weiter als eine gesellschaftliche Norm ist und
- Vor allem auch übt sich dieser Bereich in der Kritik an den Normen der Identitätspolitik und setzt sich für eine Anerkennung von Existenzen fern der „Frau-Mann“ sowie der „Hetero-Homo“ –Schubladen ein.
Wie bereits erwähnt, fand Queer als po- litische Bewegung ihren Anfang in Mitte gegen Ende der 1980er Jahre in den USA. Die Bewegung der Gay-Liberation (Homo-Befreiungsbewegung) als auch der lesbische Feminismus entwickelten sich von stark radikalen Bewegungen weg und tauschten ihre obersten Prin- zipien aus. Nicht mehr die vollkommene sexuelle Revolution war ihr Ziel, son- dern Forderung nach BürgerInnenrechten für die neu etablierten Identitäten der Schwulen und Lesben. Obgleich die Schwulen-, Lesben-, und Frauenbewe- gung separatistische Politiken mit sehr verschiedenen Ausrichtungen verfolgen, leitete die fortschreitende Hinwen- dung zur „Lobby-Politik“ und der Institu- tionalisierung dieser Bewegungen den Drang nach einem neuen, umfassende- ren Konzept. Ein weiterer Beweggrund für die Entstehung von queer politics, waren die voranschreitenden sozialen Folgen von HIV/AIDS. Die Marginalisie- rung der so genannten Risikogruppen (homosexuelle Männer, Prostituierte,...) führten zu einem neuen Entfachen von Homophobie, unter der auch lesbische Frauen litten. Vor diesen Hintergründen entstand eine neue, aggressive Politik. Queer Politics versuchten, die institutionalisierten Standpunkte der Identitätspolitik auszubrechen, und verstanden sich als neue Form der Bündnispolitik von sehr unterschiedlichen gesellschaft- lichen „Randgruppen“. Trotz aller Unterschiede stand die gemeinsame Forde- rung nach Redefinition von Identität im gemeinsamen Vordergrund. Im deutschsprachigen Raum wurde Queer Theory vor allem durch Judith Butlers Buch „Gender Trouble. Femi- nism and the subversion of Identity“ wahrgenommen. Butlers Annahme das sex (biologisches Geschlecht) immer schon gender (soziales Geschlecht) gewesen sei, provozierte eine erneute Diskussion innerhalb der feministischen Reihen über die Dekonstruktion der bis- herigen Identitätspolitik.
:: heteronormativität – what’s that?
Eine grundlegende Kritik der Queer Theory ist die „Norm der Heterosexualität“ in unserer Gesellschaft. Diese Norm bzw. Institutionalisierung versucht die Queer Theory sichtbar zu machen. Beispiele für die Institutionalisierung von Heterosexualität lassen sich nicht nur in der Werbung und in den Medien finden, auch Familienkonzeptionen und deren rechtliche Absicherung bilden ein Fundament für die Heteronormativität und lassen kaum Platz für andere Formen des Familienoder Privatlebens. Heteronormativität ist ebenso die Kritik an der Dichotomie der Geschlechter, also dass es nur Mann/Frau bzw. männlich/weiblich gibt, wie eben die Systematisierung heterosexueller Lebensformen in unseren Gesellschaftssystemen. Die „heterosexuelle/heterosexistische Matrix“ nach Judith Butler bezeichnet eine soziale und kulturelle Anordnung, bestehend aus drei Dimensionen: biologisches Geschlecht (sex), soziales Geschlecht (gender) und erotisches Begehren (desire). Diese drei Kategorien sind nach Butler voneinander abhängig. Das heißt, einer Frau wird (nach ihrem biologischen Geschlecht) in unserer Ge- sellschaft ein bestimmtes soziales Geschlecht, also bestimmte soziale Verhaltensweisen, und ein bestimm- tes sexuelles Begehren zugeordnet. Die heterosexuelle Matrix (Butler), ist der zentrale Begriff im Konzept der Heteronormativität. Danach wird eine Übereinstimmung von sex, gender, he- terosexuellem Verhalten und Begehren verlangt. Diese Matrix funktioniert je- doch nur, wenn gleichzeitig die Abwei- chung existiert. Nach Hartmann und Klesse basiert He- teronormativität „auf der Annahme von zwei klar voneinander abgrenzbaren, sich ausschließende Geschlechter und [...] die Setzung von heterosexuellem Begehren als natürlich und normal, [mit der Auswirkung, dass] das diskursive Regime hegemonialer Heterosexualität normative Annahmen über ‚gesunde’ Körperlichkeit und angemessenes Sozi- alverhalten sowie normalisierende Iden- titätszuschreibungen hervor [bringt], die allesamt den vorherrschenden Glauben an Natürlichkeit, Eindeutigkeit und Un- veränderbarkeit von Geschlecht und se- xueller Orientierung fundieren.“ Diese Dimensionierung bildet den Hauptkritikpunkt der Queer Theory.
:: feminismus und queer?
Feminismus spielt schon seit ihrer Entstehung eine wichtige Rolle in der Queer Theory. Wie auch im Feminismus ist die Herrschaftskritik in der Queer Theory von wesentlicher Bedeutung. Diese Kritik steht immer im Zusammen- hang mit der hierarchischen Konstrukti- on der Geschlechterdifferenz in unserer Gesellschaft. Melanie Groß meint dazu: „Feministi-sche Theorien hatten die Thematisie- rung von Begehrensformen und sexuel- len Existenzweisen vernachlässigt - die Anerkennung der Differenzen innerhalb der Gruppe der Frauen wird nun u.a. durch queere Positionen eingefordert“. Die Queer Theory stellt keinen Ersatz für den Feminismus dar, sie könnte höchstens in wenigen Bereichen als Addition beziehungsweise gemeinsamer Nenner mehrerer Bewegungen betrach- tet werden. Zu kritisieren ist hier aus fe- ministischer Sicht vor allem der starke Fokus auf Sexualität. Die Verbindung „Geschlecht“ und „Klas- se“ bilden einen zentralen Punkt in Teilen der feministischen Herrschafts- kritik. Für die VertreterInnen der Queer- Theory ist das biologische Geschlecht eines Menschen eine gesellschaftliche Konstruktion, was nicht heißt, dass das keine materiellen Konsequenzen wie Unterdrückung nach sich zieht und real- gesellschaftlich erfahrbar ist. Allerdings passiert Herrschaft und Unterdrückung schon allein durch die Festschreibung von (geschlechtlichen, sexuellen etc.) Identitäten. Sexismus, Rassismus und Kapitalismus basieren auf Kategorien wie Mann und Frau und kommen ohne diese identitären Zuschreibungen nicht aus. Dementsprechend kann sich eine Strategie, die gegen patriarchale Struk- turen arbeiten will, nicht auch auf diese vorgegebenen, aufgezwungenen und herrschaftsförmigen Identitäten berufen, sondern muss diese dekonstruieren. Es gilt vielmehr, die biologistischen und essentialistischen Konzepte, die an das biologische Geschlecht anknüpfen, zu überwinden. Daher ist für VertreterInnen der Queer Theory durchaus auch denk- bar, sich mit Männern zusammenzu- schließen. Auch jene, die von Sexismus und Patriarchat nicht unmittelbar betrof- fen sind oder sogar von ihnen profi tie- ren, können sie bekämpfen (genauso wie frau/man nicht schwarz sein muss, um gegen Rassismus zu kämpfen). In den Augen von vielen Feministinnen ist es sinnlos, das Geschlecht aufzuheben, da nicht das Geschlecht per se das Pro- blem ist, sondern die Gesellschaft, die die Geschlechter in ein hierarchisches Verhältnis zueinander stellt, ihnen unter- schiedliche und verschieden bewertete Eigenschaften und Aufgaben zuordnen. Es geht nicht darum, „die Frau“ abzu- schaffen, sondern darum, gesellschaft- liche Freiheit für Frauen zu erkämpfen – so die feministische Position, auf den Punkt gebracht. Das Geschlecht stellt insofern eine brauchbare politische Kategorie dar, weil als Frauen in der (patriarchalen) Welt zu leben, uns mit ganz bestimmten Bedingungen konfrontiert, derer wir uns erst bewusst werden müssen, wollen wir dagegen kämpfen. Für die Protagonistinnen des feministi- schen Zugangs gibt es keinen falschen Körper, sondern nur falsches Denken über den Körper.
