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:: die hälfte der welt - die hälfte der sprache?!

Nachdem Frauen einen nicht unbeträchtlichen Teil unserer Gesellschaft und der Welt ausmachen, wollen wir auch nicht mehr in der Sprache, dem Mittel unserer Kommunikation, ignoriert und vor allem vaporisiert werden. 

Während mittlerweile über 50 % Frauen an der Universität lernen, heißt es trotzdem noch immer in jedem Vortrag, jeder Zeitung und überall „die Studenten“, so als ob es uns gar nicht geben würde. Wir wollen Frauen sichtbar machen, der Gesellschaft zeigen, dass es durchaus auch ProfessorINNEN, ChefINNEN und ArbeiterINNEN gibt, und in einer langen feministischen Tradition die deutsche Sprache analysieren, Gründe für die Maskulinität der deutschen Sprache finden und Gegenmittel aufzeigen.

:: sprache schafft bewusstsein

Kulturen und Gesellschaften haben verschiedene Möglichkeiten, sich auszudrücken. In künstlerischen Bereichen, im Alltag, in Arbeitsweisen oder  in verschiedenen Lebensformen. Die wichtigste Ausdrucksform ist allerdings die Sprache. Nicht nur als Kommunikationsmittel zwischen Menschen einer Sprachgemeinschaft, sondern auch als deskriptives Mittel von Lebensrealitäten. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass kein unveränderbares, in den Genen der Menschen vorprogrammiertes System hinter jeder Sprache steckt, sondern dass SprecherInnen sie durch Benutzung überhaupt erst erschaffen. Was aber auch beinhaltet, dass Sprache von Menschen jederzeit verändert werden kann und auch wird. Es gibt verschiedene Gründe für diese Veränderungen. Sie können der Vereinfachung, der besseren Sprechbarkeit dienen, oder durch politische und historische Gegebenheiten verändert werden. 

Peter Ernst merkt beispielsweise an: „So hat der Einfluss des Anglo-Amerikanischen auf das heutige Deutsche mit dem Ausgang des Zweiten Weltkrieges und dem folgenden wirtschaftlichen Aufschwung zu tun“.

Auf der anderen Seite kann Sprache auch von Einzelpersonen oder Gruppen bewusst verändert werden. So hat zum Beispiel Martin Luther mit seiner Bibelübersetzung das Deutsche reguliert und beeinflusst. Oder Karl Marx mit seinen Werken Wörtern völlig neue Bedeutungen und Verwendungsbereiche zugeschrieben, wie zum Beispiel dem Begriff „Kapital“. Es ist wichtig zu verstehen, dass Sprache nicht nur die Funktion hat, Realität und Wirklichkeit abzubilden, sondern sie auch beeinflussen kann. Sprache hat die Fähigkeit, Blickwinkel zu verändern, Menschen auf Gegebenheiten aufmerksam zu machen und zu prägen.

:: der mythos des generischen maskulinums

Ein generisches Maskulinum (eine verallgemeinernde männliche Form eines Wortes) liegt dann vor, wenn bei Personenbezeichnungen, insbesondere bei Berufsbezeichnungen und Substantiven, die den Träger eines Geschehens bezeichnen (Nomina agentis), die maskuline Form auch weibliche Personen einbezieht. Im Deutschen galt lange Zeit die Regel des generischen Maskulinums. Dieses bedeutet, dass im Sprachgebrauch einfach die männliche Form (Studenten, Lehrer,...) verwendet wird. Diese Regel basiert auf der Annahme, dass es ein grammatikalisches Geschlecht (Genus) und ein biologisches Geschlecht (Sexus) gibt. Das grammatikalische Geschlecht bestimmt, ob zum Beispiel ein Gegenstand sprachlich weiblich ist, also mit dem femininen Artikel „die“ versehen wird, oder aber sprachlich männlich bestimmt wird, und den maskulinen Artikel „der“ zugeteilt bekommt. So ist zum Beispiel das Wort „Tisch“ grammatikalisch maskulin, während das Wort „Sonne“ feminin ist. 

Weiters beinhaltet diese Annahme, dass das grammatische Geschlecht nicht gezwungenermaßen mit dem biologischen Geschlecht übereinstimmen muss, das heißt, dass es eine Trennung zwischen Genus und Sexus gibt. Das mag bei Dingen und Sachen noch stimmen (was für ein Geschlecht hat schon ein Tisch...) aber spätestens bei Verwandtschafts- oder Berufsbezeichnungen erübrigt sich die These dieser Trennung. Es heißt „die Mutter“, „der Vater“, „der Arbeiter“, „die Dozentin“, und so weiter. Sobald es um Menschen geht, stimmt also das generische mit dem biologischen Geschlecht eigentlich immer überein. Durch diese Erkenntnis wird klar, dass die Grundthesen des generischen Maskulinum einfach nicht der sprachlichen Realität entsprechen und nur eine Erfindung der männerdominerten Sprachwissenschaft ist.

:: frauen sind ja mitgemeint

Das Argument, das am häufigsten für das rein erfundene generische Maskulinum gebracht wird, ist, dass Frauen in der männlichen Bezeichnung ohnehin mitgemeint seien. Ob das jetzt im Sinne des generischen Maskulinums Berufsbezeichnungen betrifft oder auch Pronomen wie „jeder“, „einem“, „jemand“. Luise F. Pusch, eine der renomiertesten feministischen Linguistinnen, widmet in ihrem Buch Alle Menschen werden Schwestern ein ganzes Kapitel dem Phänomen, das sie als Doublethink bezeichnet. Ironisch zeigt sie anhand von Beispielen, dass mitgemeint werden als allgemein gültige Regel nicht funktionieren kann:

Jeder kann Papst werden. Das beste Bei-
spiel bin ich selbst.
(Papst Johannes XXIII)

Hier wird das Pronomen „jeder“ verwendet, wie in vielen Formulierungen, wo Frauen angeblich mitgemeint werden sollen, zB. „Jeder kann in einer Demokratie wählen.“ Allerdings ist es ziemlich offensichtlich, dass keine Frau jemals Päpstin, oder gar Papst werden wird. Dadurch zeigt sich aber die Uneindeutigkeit dieser sprachlichen Regelung. Sollen Frauen raten, wann sie mitgemeint sind und wann nicht?

Der Durchschnittslohn eines Industriearbeiters beträgt DM 16 pro Stunde.

Auch wenn das Beispiel kein aktuelles mehr ist, verdienen Frauen durchschnittlich immer noch weniger als ihre Arbeitskollegen und so kann in diesem Satz die Industriearbeiterin auch nicht mitgemeint sein. Diese Beispiele zeigen anschaulich, dass der „grammatische Trick des ,Mitmeinen-Könnens`“ wie Pusch es formuliert, nur dazu dient Frauen sprachlich auszulöschen, zu vaporisieren. Männer sind Menschen während Frauen einer anderen Spezies zugehören, das sind die Grundprinzipien des Androzentrismus. 

:: die sekretärin und der anwalt

Einer der Bereiche in dem die Unschlüssigkeit der Argumentation deutlich wird, sind Bezeichnungen von Berufen. Es ist völlig gewöhnlich, wenn von „Sekretärinnen“ die Rede ist, während „Anwältinnen“ eher selten zu finden sind. Jetzt wird die eine oder der andere sich denken, dass das ja daran liegt, dass es eben mehr Sekretärinnen als Sekretäre gibt. In dieser Argumentationslinie, machen beispielsweise die Studentinnen aber ein Problem. Es gibt nämlich schon lange mehr Studentinnen als Studenten, dennoch ist überall nur von „Studenten“ die Rede. Es ist also Fakt, dass nicht die gesellschaftliche Realität abgebildet wird, sondern ein ganz bestimmtes Bild in den Köpfen der Menschen. Es ist in der Gesellschaft ganz klar, dass Männer Anwälte sind und Frauen bloß ihre Sekretärinnen, die Emanzipation von Frauen in allen gesellschaftlichen Bereichen wird einfach ignoriert.

:: ein patriarchales sprachsystem

Zusammenfassend ist also zu sagen, dass das Deutsche (und im übrigen eigentlich alle Sprachen) nicht aus einem „natürlichen“ Grund Frauen nicht berücksichtigt, sondern das sprachliche System von Männern gemacht wurde, und Frauen absichtlich verschwinden lässt. Aus einer feministischen Perspektive bedeutet das allerdings auch, dass die Sprache nicht nur veränderbar ist, sondern auch verändert werden muss.

 

Gleichberechtigung in der Sprache

Es muss das Ziel aller sein, die für eine gleichberechtigte Welt von Männern und Frauen sind und kämpfen, diese auch in der Sprache umzusetzen. Symmetrie in der Sprache und das Sichtbarmachen von Frauen sind hier die obersten Prioritäten.

Für Geschlechtergerechtes Formulieren und Sprechen gibt es mehrere Varianten, Möglichkeiten und Formen.

1. Die Differenzierung:

a) Splitten, oder Doppelform

Beispiel: Heuer gibt es 250 Studentinnen und Studenten der Molekularbiologie.
b) Doppelform mit Schrägstrich

Beispiel: Die/der Dozent/in verlangt viel Arbeit.

c) das Binnen-I    

Beispiel: Die ProfessorInnen machen heute eine Konferenz.

2. Die Neutralisierung:

a) Das Substantiv wird aus einem Partizip oder Adjektiv abgeleitet

Beispiel: Heute demonstrieren die Studierenden.

b)Pluralbildung

Beispiel: Die Betroffenen sind bestürzt.

3. Die Abstraktion:

Beispiel: „Das Bildungsministerium“, statt „der Bildungsminister“9

4. Queere Ansätze:

Mittlerweile existieren neben den feministischen Versuchen einer gendergerechten Sprache auch noch einige andere, wie zum Beispiel der Unterstrich und das Sternchen, um auch queere und Transgender Personen in der Sprache sichtbar zu machen: 

Beispiel: Die/der Student_in, oder Student*in

5. Pronomen:

Auch Wörter wie keiner, jemand, einem, etc. sind maskulin und werden daher entweder nicht verwendet, oder durch Großschreibung variabler Elemente gekennzeichnet

Beispiel: KeineR LehrerIn gefällt Zeichenunterricht.

Besonders hinterhältig ist das angeblich neutrale man, da es lautlich wie „Mann“ klingt und auch sprachgeschlichtlich auf „Mann“ zurückzuführen ist. Eine Möglichkeit ist hier, diese angebliche Neutralität durch das Beifügen des Wortes frau sichtbar zu machen. Die Linguistin, Senta Trömel- Plötz meint dazu:

„Diese Einführung von frau problematisiert und verengt die Bedeutung von man und macht die generelle Bedeutung von man von da ab im Text unwahrscheinlicher.“10

6. Benutzung von Wörtern:

Es gibt eine Reihe von Wörtern, die auf einen sexistischen Hintergrund zurückzuführen sind, die in einer gerechten Sprache nicht viel verloren haben. Hier nur wenige exemplarisch aufgeführt:

herrlich/dämlich: kommt von Herr und Dame

Putzfrau - Reinigungskraft

Stewardess - Flugbegleiterin

Krankenschwester - Krankenpflegerin

Macht Frauen sichtbar!

An geschlechtergerechter Sprache wird viel Kritik geübt. Es würde die Sprache verkomplizieren, es wäre grammatikalisch falsch oder würde „unser geliebtes Deutsch“ richtiggehend verschandeln. Diese Negativpropaganda wird an einer Veränderung geübt, die Frauen nur den Platz in der Sprache geben will, den wir in der Welt schon lang
beansprucht haben.

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